Sangiovese

Wenn sich eine Rebsorte Sangiovese nennt, also Jupiterblut, könnte man zwei Dinge erwarten: Zum einen, dass sie antiken Ursprungs ist – was allerdings, dazu später mehr, nicht zutrifft. Zum anderen,  dass sie Großes ins Glas bringt. Das nun stimmt für die bedeutendste rote Rebsorte Italiens in jeder Hinsicht. Der Sangiovese tut dies allerdings mit vornehmer Zurückhaltung. Taucht sein Name selbst auf dem Etikett auf, handelt es sich in aller Regel um einen angenehmen Alltagswein. Seine noble Klasse versteckt Sangiovese hinter Namen – genauer Herkunftsbezeichnungen – wie Chianti Classico Riserva, Brunello di Montalcino oder Vino Nobile di Montepulciano. Die einzige Ausnahme bildet der Romagna Sangiovese.

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Der Toskana-Mythos und die Generation Käfer

Ab der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts überschritten deutsche Tourismus-Pioniere mit dem Käfer den Brenner. Die einen fuhren an den Strand von Rimini, machten ihn zum Teutonengrill und vermissten ihr Sauerkraut. Die anderen zog es zu den Renaissancestädten der Toskana: nach Florenz, Siena oder Pisa. Massiv beeindruckt von Kultur und italienischer Lebensart nahmen sie ein Stück davon nach Hause: Sangiovese bzw. Chianti, gefüllt in formschöne Bastflaschen. Letztere heißen italienisch Fiasko und aus heutiger Sicht mag der Inhalt nicht selten ein solches gewesen sein. Der Begeisterung tat dies keinen Abbruch, der Verbreitung italienischer Restaurants ebenfalls nicht und so wurde die Rebsorte Sangiovese hierzulande zum Inbegriff des italienischen Rotweins. Die Nachfrage beflügelte den Weinbau in der Toskana auch in qualitativer Hinsicht. Lange vor allen anderen Regionen wurde in die Rebenzucht, in Weinberge, Kellertechnik und Know-how investiert. In neuerer Zeit gilt die Toskana als führend im biologischen Anbau. Die Sangiovese der Toskana bleiben also bis heute Innovationsmotor und Benchmark für große Rotweine.

Der Geschmack des Sangiovese: Kirsche, Leder, Temperament

Beim Sangiovese ist es wie mit den Zutaten der italienischen Küche – wenige, aber davon die besten. Die Grundaromen des Sangiovese sind also vergleichsweise einfach: eine knackige Kirschfrucht, eine lebhafte Frische und herzhafte Ledernoten. Doch Sangiovese ist eine Terroir-Rebe. Gib ihr den richtigen Boden, einen guten, möglichst hochgelegenen Weinberg, viel Zuwendung und ausreichend Fassreife – und aus Sangiovese wird eine Diva, die in der Frucht zwischen rot und violett schillert, Säure in Temperament und Eleganz wandelt, eine noble balsamische Würze entwickelt und all das mit seidigen Tanninen umhüllt.

Sangiovese Riserva: Großes Holzfass oder Barrique

Klassisch werden die besten Qualitäten wie die Sangiovese Riserva im großen Holzfass ausgebaut. Mittlerweile ist auch das 225 Liter Barrique aus neuer Eiche weit verbreitet, wenn auch tendenziell wieder auf dem Rückzug. Sangiovese aus dem Barrique schmeckt üppiger, ist stärker von wohligen Röstaromen geprägt und weniger temperamentvoll.

Alterungsfähigkeit: Wie lange kann Sangiovese lagern?

Lagern ist Geschmackssache. Doch herrscht eine gewisse Einigkeit unter Experten, dass Sangiovese nicht das Lagerpotential eines Barolo, oder eines Cru aus Bordeaux oder dem Burgund hat. Wer auf der sicheren Seite sein möchte, sollte Sangiovese in den ersten Jahren genießen und auch große Rotweine zehn Jahre nach der Ernte getrunken haben. Bei einem Brunello di Montalcino lässt sich auch ein wenig länger warten. Danach verlieren die Weine ihre sortentypische Spannkraft und Frische. Aber manche schwören  ja genau darauf.

Geschichte des Sangiovese: Chianti Classico und Brunello di Montalcino

Für ein Land, das auf zweieinhalbtausend Jahre Weinbau zurückblickt, ist die Geschichte des Sangiovese recht jung. Irgendwann im 17. Jahrhundert wird er erstmals urkundlich erwähnt. Doch auf dem berühmten Gemälde von Bartolomeo Bimbi aus dem Jahr 1711, das alle wichtigen Rebsorten Mittelitaliens versammelt, ist Sangiovese nicht vertreten. Erst hundertfünfzig Jahre später betritt er mit einem Doppelschlag die Weinszene. Im Jahr 1872 veröffentlichte Baron Bettino Ricasoli, ehemaliger Ministerpräsident Italiens,  seine wegweisende "Chianti Formel". In ihr schrieb er dem Sangiovese – und nicht dem bis dato vorherrschenden Canaiolo – als seines Erachtens bester Rebsorte den Löwenanteil für eine Chianti-Cuvée zu. Daran hat sich bis heute weder im Kerngebiet Chianti Classico noch im übrigen Chianti etwas geändert. Nur wenige Jahre später erzeugte 1880  Ferruccio Biondi Santi den ersten Brunello di Montalcino im Städtchen Montalcino südlich von Siena. Weder ahnte er, dass dieser Wein einst zur Legende werden würde, noch, dass sich hinter der lokalen Rebsorte Brunello ("kleiner Brauner") eine Spielart des Sangiovese verbarg.

Die wichtigsten Anbaugebiete der Toskana

Sangiovese ist mit rund 68.000 Hektar (Stand 2016, Universität Adelaide) die meistangebaute Rotweinrebe Italiens und in ganz Mittelitalien verbreitet. Die bekanntesten Denominazione DOCG, also Herkunftsbezeichnungen, liegen in der Toskana. Zu den berühmtesten und größten Rotweinen der Welt zählt der Brunello di Montalcino, ein reinsortiger Sangiovese, der erst nach vierjähriger Reifezeit auf den Markt kommt. Ihm folgen die von Sangiovese dominierten Cuvées der Chianti Classico DOCG mit dem markanten Schwarzen Hahn auf der Kapsel. Das Chianti Classico liegt zwischen Florenz und Siena. Vom Classico zu unterscheiden, weil unabhängig und mit eigenem Statut, sind die Sangiovese-Cuvées der DOCG Chianti, die weite Teile der Toskana umfasst. Der dritte große Name der Toskana ist der Vino Nobile di Montepulciano aus dem gleichnamigen Apennin-Ort. Neuere toskanische Sangiovese DOC finden sich in der küstennahen Maremma: beispielsweise Morelino di Scansano und Montecucco.

Sangiovese in der Emilia Romagna,  den Marken und Umbrien

Immer wenn vom Sangiovese als der großen Rebsorte der Toskana gesprochen wird, steigen kleine Zorneswölkchen über den Winzern der Romagna aus. Vieles spricht dafür, das Sangiovese ursprünglich aus dem Hügelgebiet südöstlich von Bologna stammen könnte, zumindest war sie dort ähnlich früh verbreitet wie in der Toskana. Die Romagna Sangiovese zeigen sich qualitativ den Weinen der Toskana als durchaus ebenbürtig. Auch in den mittelitalienischen Marken spielt Sangiovese eine Rolle. Er ist Bestandteil des bekannten Rosso Piceno. In Umbrien ist Sangiovese Teil der Rebsortencuvée vom Rosso di Montefalco.

Das Jupiterblut in Rosé

Sangiovese Rosato wird in vielfältiger Form angeboten, doch haben diese Rosé den Status eines Landweins – z.B. Rosato Toscana IGT – noch nicht überschritten. Die sortentypische Kirschfrucht des Sangiovese findet sich neben roten Beeren auch in den Rosé.

Food Pairing: Antipasti, Bistecca, Pilze, reduzierte Saucen, Geschmortes

Ein Sangiovese ruht nicht in sich wie ein Primitivo. Er sucht die Geselligkeit eines guten Essens. Dafür ist er von der Natur perfekt ausgestattet worden und gilt als herausragender Essensbegleiter. Vom Landwein bis zur großen Riserva zeichnet Sangiovese eine herzhafte Ader aus. Seine lebhafte Säure sucht das Spiel mit der Süße von marinierten Antipasti, geschmorten Zwiebeln oder reduzierten Tomatensaucen. Dank seines Temperaments hat er auch keinen Respekt vor dem Fett einer Salami oder eines Ossobucos. Die niemals ganz gezähmten Tannine eines Sangiovese gehen eine perfekte Liaison mit den Röstaromen einer Bistecca Fiorentinas ein (oder wem das sprachlich mehr liegt: Dry Aged Steak), mit den erdigen Noten von Pilzen oder einer sorgsam geschmorten Wildschweinkeule. Um ein Bild aus der Chemie zu verwenden: Der Sangiovese verfügt über freie Radikale, die mit dem Essen neue und faszinierende Genussverbindungen eingehen. Was solo genossen gelegentlich unfertig wirkt, kommt bei Tisch zu Vollendung.