Brüche im Urgestein
"Der Urkristall schmeckt, als hätte ein Hubschrauber einen Sack weißen Pfeffer über dem Weinberg verteilt."
Liebe Weinfreundinnen und Weinfreunde,
der "Urkristall" war der erste Grüne Veltliner, den ich bewusst getrunken habe. Bis heute ist er mein liebster geblieben. The first cut is the deepest, wie Cat Stevens feststellte? Definitiv! Die Erinnerung an den Garten mit Blick auf die Röschitzer Kirche? Würde ich nicht abstreiten. Die wohl genetisch bedingte männliche Sehnsucht nach einem Wiener Schnitzel mit lauwarmen Kartoffelsalat? Auch das. Aber da ist etwas im "Urkristall", das sich weder durch Stimmungen noch durch Aufzählen von Aromen erklären lässt. Der Wein hat diesen unwiderstehlichen Charme des Eigensinns.
Es sind Menschen wie Leo Maurer, die meine Lust am Wein wachhalten und das Schreiben darüber lohnenswert machen. Wenn Leo in seiner maulfaulen, niederösterreichischen Art den schlichten Satz "Man lebt ja mit seinen Reben" sagt, dann geht mir das Herz auf. Weil er alles beinhaltet. Weil er wahr ist – in guten wie in schlechten Zeiten. Nur dieses Bedingungslose, davon bin ich überzeugt, gibt dem Wein eine Seele. Wer Weinberge lediglich managt, macht vielleicht perfekte Weine. Berühren tun sie mich nicht.
Der "Urkristall" Grüne Veltliner von Leo Maurer hingegen dient der Wahrheitsfindung. Die Setzlinge wurden von den Maurers selbst gezüchtet. Den Aufwand tut sich heute kaum einer mehr an. Die Reben stehen auf massivem Urgestein und die Stöcke, an denen sie ranken, müssen mit dem Bohrhammer gesetzt werden. Über den "Urkristall" gibt es heute ein zweites Zitat, diesmal von Gerd Rindchen, das mein Texter-Herz auch nach zwanzig Jahren noch rührt: "Der Urkristall schmeckt, als hätte ein Hubschrauber einen Sack weißen Pfeffer über dem Weinberg verteilt." A la Bonheur!
Fehlt noch die Boomer-Belehrung: Trau keinen glatten Oberflächen. In den Brüchen des Urgesteins entstehen die lebendigen Weine.
Alles Gute wünscht
Gotthard Scholz
Passende Weine
0,75 L (16,67 €/L)