Bordeaux
BORDEAUX, MON AMOUR
Wenig, dafür das Beste. Fokussieren, nicht weitschweifen. Die Liebe zum Produkt vertiefen mit allem, was man hat. Bordeaux öffnet neue aromatische Horizonte, gerade weil es sich begrenzt.
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Der Fokus aufs Wesentliche hat Bordeaux zur Weltgeltung geführt. Jedes Château erzeugt nur einen einzigen Rotwein. Die Region ist fast so groß wie die gesamte deutsche Rebfläche, doch beschränken sich die Weingüter für die Cuvées auf lediglich sechs Rebsorten – aber dafür die edelsten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Allesamt hier geboren und perfekt ans Terroir angepasst, das sich atlantiknah auf Meeresniveau befindet. Gleiche Bedingungen also für alle Winzer, große Tradition. Und doch bewegt sich der Tanker bisweilen mit rasanter Geschwindigkeit zu neuen Ufern. Weil der Faktor Mensch den Unterschied macht.
Es war der im März verstorbene Michel Rolland, der Bordeaux Wärme einhauchte. Der wirkmächtigste Önologe unserer Zeit brach mit traditionellen Geschmacksbildern. Er setzte auf maximal reife Trauben und arbeitete im Keller die Frucht heraus, nicht die Tannine. Der Château de Langalerie, ein reinsortiger Merlot, trägt auf verführerische Weise die Handschrift des Meisters.
Manchmal liegt die Zukunft in der Vergangenheit. Der Großvater von Charles Fernandez de Castro hatte auf Château Saint-Aubin noch Malbec, Carménère und Petit Verdot im Bestand. Die Eltern gaben – wie viele Weingüter – in den Siebzigern diese wetteranfälligen Rebsorten auf. Für Charles bedeutete das den schmerzlichen Verlust von schillernden Farben im Wein. Heute erzeugt er als einer der ganz wenigen Winzer einen ungemein vielschichtigen Médoc aus allen sechs Bordeaux-Reben.
Man muss nicht gleich die Welt verändern, um herausragenden Wein zu machen. Die alten Rebgärten von Jean Soupre stehen auf dem legendären Asterias-Kalkstein von Saint-Émilion. Der Château d’Arcie aus dem Jahrhundertjahrgang 2022 ist die Quintessenz eines heutigen Bordeaux. Geschmeidiger, fruchtbetonter, weltoffener als in der Vergangenheit. Doch weiterhin mit Standpunkt, Reibungsfläche und der Fähigkeit, bei jedem Schluck zu überraschen. Ohne das bliebe es bei einem kurzen Flirt. Ein Bordeaux hingegen hat das Zeug für die große Liebe.